Der große Ausverkauf: Wie Millionen Boomer die Finanzmärkte umkrempeln

Drei Jahrzehnte lang ging es für die geburtenstarken Jahrgänge fast nur in eine Richtung: ansparen, investieren, wachsen lassen. Globales Wachstum, offene Märkte und niedrige Zinsen haben solide Portfolios kräftig anschwellen lassen. Mit dem Renteneintritt der Jahrgänge 1955 bis 1969 beginnt nun eine Phase, auf die kaum jemand vorbereitet ist: die Entsparphase.

Der demografische Wandel ist längst keine abstrakte Zahl mehr. Laut Statistischem Bundesamt werden bis 2039 rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Renteneintrittsalter erreichen – knapp ein Drittel aller heutigen Erwerbstätigen. Millionen Privatanleger wechseln damit nahezu zeitgleich von der Käufer- auf die Verkäuferseite: Sie besparen keine Depots mehr, sondern entnehmen ihnen regelmäßig Geld, um ihren Lebensstandard zu sichern.

Viele unterschätzen, dass das Entsparen anderen Gesetzen folgt als der Vermögensaufbau. Wer mit 35 einen Kurseinbruch von 30 Prozent erlebt, kann ihn aussitzen und über den Sparplan sogar günstig nachkaufen. Trifft derselbe Einbruch jedoch kurz vor oder zu Beginn des Ruhestands, greift der sogenannte Sequence-of-Returns-Effekt: Werden Anteile in einer Schwächephase zu Tiefstkursen verkauft, schrumpft die Kapitalbasis so stark, dass sich das Depot selbst bei einer späteren Markterholung nicht mehr vollständig erholt.

Verschärft wird die Lage durch veränderte Zins- und Inflationsbedingungen. Wer sich blind auf Faustregeln wie die klassische Vier-Prozent-Entnahme verlässt, rechnet oft mit überholten Annahmen. Ein 65-jähriger Mann hat heute eine statistische Lebenserwartung von rund 83 Jahren, eine gleichaltrige Frau von rund 86 Jahren. Das Vermögen muss also nicht selten 25 bis 30 Jahre tragen. Wer aus Angst vor Schwankungen zu früh vollständig ins Tages- oder Festgeld flüchtet, verliert dafür real Kaufkraft durch Inflation und Steuern.

International zeigt sich ein sehr unterschiedliches Bild: In den USA trifft die Entsparwelle auf ein aktienbasiertes, aber ungleich verteiltes System – nur vier von zehn Boomern können ihren Lebensstandard sicher halten. Europa ist gespalten zwischen Umlage-Ländern wie Frankreich und Vorreitern wie Schweden mit verpflichtenden Aktienfonds – ein Modell, an dem sich nun auch die geplante deutsche Aktienrente orientiert. In Japan hinkt die Investmentkultur der Überalterung hinterher, in China bleibt mangels drittem Standbein die Immobilie der wichtigste Vorsorgebaustein.

Was heißt das für die Praxis? Der Schlüssel liegt in einer Strukturierung nach Zeithorizonten, dem Drei-Töpfe-Modell:

  • Liquiditäts-Topf (1–3 Jahre): sichere, kurzfristig verfügbare Mittel für den laufenden Bedarf.
  • Stabilitäts-Topf (3–8 Jahre): solide Unternehmensanleihen und dividendenstarke Werte mit regelmäßigen Ausschüttungen.
  • Wachstums-Topf (8+ Jahre): breit gestreute Aktien, die langfristig gegen Kaufkraftverlust wirken.

Die Entsparphase der Babyboomer ist mehr als ein individuelles Anlageproblem. Sie wird die Kapitalmärkte mitprägen, die Nachfrage nach Anlageklassen verschieben und die politische Debatte über Alterssicherung befeuern – ein Thema für Betroffene, ihre beratend eingebundenen Kinder und die Gesellschaft insgesamt. Wer sein Depot rechtzeitig ausrichtet, verschafft sich finanzielle wie mentale Sicherheit für die kommenden Jahrzehnte.

Butter bei die Fische: Wer rechtzeitig plant muss später nicht hoffen!

Heiko Löschen

GSP asset management

Auch erschienen bei finanzen.net
Heiko Löschen

Neben der Beratung und der Vermögensverwaltung ist Heiko Löschen für die Öffentlichkeitsarbeit und die Weiterentwicklung der GSP asset management GmbH verantwortlich. Bei n-tv ist er als Kapitalmarktexperte gefragter Interviewpartner.